In einem Hin und Her zwischen Wahrnehmung und Vorstellung

Ein Feiertag im Mai 2021, die Sonne scheint, der sonst belebte und vielbefahrene Parkplatz im Hinterhof des Atelierhauses im Düsseldorfer Zooviertel ist heute ruhig, die Fenster sind weit geöffnet. Haure Madjid beginnt das Gespräch mit der Beschreibung seiner Arbeitsweise. Nach den Vorbereitungen der Leinwand nimmt er den Malprozess, so sagt er, mit der Farbe, mit stark pigmentierter Ölfarbe auf. Er prüft die Leinwand durch das Auftragen der ersten Farbschicht, prüft in jeder Ecke, ob sie bereit ist, bemalt zu werden, er prüft die Pinsel, die Grundierung, den Platz im Atelier, den Lichteinfall. Wenn er sicher ist, dass alles stimmt, kann er dieses neue Territorium malerisch erkunden. Den Beginn mit der Farbe erlebt er als offen, anders als einen Beginn ausgehend von einer Form, die etwas vorgibt. Mit der Farbe öffnet er das Bild. Madjid beschreibt seinen Malprozess dabei nicht als streng festgeschrieben, er folgt vielmehr dem, was er braucht. 

Haure Madjid ist ein Maler, der in mehrjährigen Perioden Werkreihen entwickelt, in denen er sich mit Farbe und Bildentstehung und mit der Übertragung von erinnerten Bildern in Malerei beschäftigt. Seine Themen entwickelt er aus Beobachtungen, Büchern und biografischen Impulsen heraus. Er wurde Mitte der 1970er Jahre in einem Dorf im Nordirak, in Kurdistan geboren und früh mit Vertreibung und Bewegungsunfreiheit konfrontiert. Erzählungen über eine zurückgelassene Landschaft und Erinnerungen an verlorene Gärten prägten seine Vorstellungswelt. Nach einem ersten Studium der Kunst in der nordirakischen Millionenstadt Sulaimaniyya setzte er Anfang der 2000er Jahre seine Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf fort.

 

Gegen Ende seines Studiums malte Madjid vergrößerte Ausschnitte aus Abbildungen von Ornamenten. Die Motive entnahm er Büchern über islamische und vorislamische Architektur, Keramik, Malerei, Naturwissenschaft und Buchmalerei. Er löste Fragmente heraus und übertrug sie mit reduzierter Farbpalette vergrößert auf großformatige Leinwände. Die Fragmente wirken abstrakt, geometrisch und minimalistisch und betonten das Wesentliche des Ornaments: Es hat keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende. Die einzelnen Fragmente wiederholen sich, reproduzieren sich und nehmen den ganzen Bildraum in Anspruch. So dekontextualisiert Madjid das Ornament, versucht es aus ideologischen und historischen Zusammenhängen herauszulösen und seine Funktionsweise zu untersuchen. 

Diese Untersuchung setzte er in einer darauffolgenden Werkreihe fort. Der Impuls für die Reihe kam aus dem Buch „De Materia Medica“ von Pedanios Dioskurides, einem der bekanntesten Ärzte der Antike. Das Buch gilt als eine der Pionierarbeiten der Arzneimittelkunde. Dioskurides forschte über giftige Pflanzen, über Heilpflanzen, versammelte Zeichnungen von Pflanzen verschiedener Maler. Madjid recherchierte rund um dieses Buch und wählte die kleine Zeichnung „Die Linsenpflanze“ aus, die wahrscheinlich im Nordirak oder in Syrien entstand. Er beobachtete, wie die Linsenpflanze gezeichnet ist und er entdeckte etwas zwischen stilisierter, symmetrischer, idealisierter Ordnung und organischer Abweichung und Variation. In diesem Spannungsfeld sieht er verschiedene Ideen, Bildsprachen, Kulturen und Interpretationen aufeinandertreffen. Und er fragt sich, wie ein Bild entsteht. Durch das Sehen oder durch das Denken? In einem Hin und Her zwischen Wahrnehmung und Vorstellung? 

Seine Forschungen zum Ornament, zum Floralen, zur Entstehung des Bildes setzte er fort, wurden dann aber jäh unterbrochen: 2014 eroberte die terroristische Organisation IS gewaltsam ein großes Territorium in Syrien und im Irak. Madjid war schockiert. Er entschied sich, Menschen zu malen. Es entstanden 15 großformatige Bilder, überlebensgroße und ikonenhaft anmutende Darstellungen fiktiver Gesichter. Sie können nicht einer bestimmten Person zugeordnet werden und es bleibt rätselhaft, woher sie kommen. Madjid arbeitete nicht nach Vorlage und so erzählen die Gesichter nicht viel über sich, aber sie sind durch ihre Blicke und die Malweise präsent und nehmen den sie umgebenden Raum ein. Während des Malens erinnerte Madjid sich an sein Leben Anfang der 1990er Jahre im Nordirak. Dort arbeitete er als junger Maler in einer Gruppe von Künstlern, Intellektuellen, Poeten und Musikern. Die meisten von ihnen mussten das Land verlassen. Die Portraits zeigen Gesichter von Gleichaltrigen, seine Generation.

Nach den Portraits entwickelte Madjid die Werkreihe „Der Garten“. Diese Reihe ist geprägt von Erzählungen seiner Eltern über die Vertreibung aus ihrem Dorf. Madjids Eltern erzählten ihm von der Schönheit ihres Dorfes und von den Landschaften in Kurdistan. Die Bilder zeigen farbige Blütenkelche in Variationen. Es sind stilisierte Darstellungen von Pflanzen, die gleichzeitig den melancholischen Eindruck einer bestimmten Lichtstimmung vermitteln. Den Garten begreift Madjid hier als Metapher für etwas Verlorenes, etwas, das sich nicht wiederherstellen lässt. 

Das Arbeiten in Werkreihen ermöglicht es Madjid, ein Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, es genau zu studieren. Zunächst muss jedes Bild erst einmal für sich sprechen können. Es muss autonom bleiben, denn jedes Bild einer Werkreihe versteht Madjid als ein Individuum mit eigener Geschichte. Eine Werkreihe hat für ihn auch etwas Kollektives. Es entsteht eine Gruppe, die zusammengehört, in der jedes einzelne Bild auf das andere angewiesen ist. Ein Bild hilft dem anderen. Die Bilder entstehen nach und nach, irgendwann empfindet Madjid eine Periode als abgeschlossen. 

Bevor wir unser Gespräch beenden, möchte ich wissen, ob Madjid seine Arbeit in zeitgenössischen Diskursen reflektiert. In seinem Atelier liegen Bildbände von Félix Vallotton, von Paul Cézanne, Bücher über die Vorstellung von Landschaft, die Auseinandersetzung mit Licht. Daneben Bücher von Robert Ryman und Edward Said. Mit Ryman denkt Madjid über Farbe nach und vertieft seine Reflexion über das autonome Bild. Edward Said war ein Begleiter während seines Studiums und ermöglichte es ihm, über den westlichen Blick auf Kurdistan nachzudenken. In den Machtzentren des Westens wurden Vorstellungen über den Nahen Osten konstruiert, die noch heute wirkmächtig sind und weiterhin in einem langwierigen politischen und auch künstlerischen Prozess dekolonisiert werden. An diesem dekolonisierenden Prozess ist Haure Madjid beteiligt: Er ist ein Maler, der sich mit Farbe und Bildentstehung beschäftigt, mit malerischen Diskursen über Realismus, Materialität und Präsenz. Und er ist ein Maler, der seine Bilder aus Erinnerungen und Erzählungen heraus entwickelt. Bilder von Pflanzen, Menschen und Landschaften, die versuchen sich von ideologischen Zusammenhängen zu befreien. 

 

Anne Schülke

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